Schaden niedrige Temperaturen den Samen?
Zum ersten Mal seit vielen Jahren erleben wir in Ermland (Warmia) einen echten Winter – mit Frost, Schnee und deutlich unter null liegenden Temperaturen. Es ist daher nicht verwunderlich, dass eine der am häufigsten gestellten Fragen in den letzten Tagen lautet: „Schaden niedrige Temperaturen den Samen?“
Im Fall von Tomaten lautet die Antwort: nein – niedrige Temperaturen schaden den Samen nicht, sondern können ihre Haltbarkeit sogar verbessern. Die Tomate (Solanum lycopersicum) benötigt keine Stratifikation, also keine Kälteperiode, die notwendig wäre, um die Keimung einzuleiten (wie dies z. B. bei Weizen oder Roggen der Fall ist).
Tomatensamen gehören zu den sogenannten orthodoxen Samen. Das bedeutet, dass sie stark getrocknet werden können und Temperaturen unter dem Gefrierpunkt – einschließlich tiefer Gefrierlagerung – sehr gut vertragen. Dieses Prinzip wird weltweit in Genbanken genutzt.
Untersuchungen aus der Samenphysiologie zeigen, dass eine Absenkung der Lagertemperatur die Alterungsprozesse, den Abbau der Zellmembranen sowie die Oxidation von Speicherlipiden deutlich verlangsamt. In der Praxis bedeutet dies eine längere Lebensdauer und eine bessere biologische Qualität der Samen.
Aus diesem Grund können Tomatensamen sicher bei Temperaturen weit unter dem Gefrierpunkt gelagert werden, sofern sie ausreichend trocken sind. Wir selbst verwenden Lagertemperaturen von unter –50 °C, was den Standards von Genbanken entspricht.
Warum reagieren nicht alle Gemüsesorten gleich?
Man sollte bedenken, dass die Toleranz gegenüber niedrigen Temperaturen vor allem für orthodoxe Samen wie die der Tomate gilt. Andere Gemüsearten reagieren deutlich empfindlicher auf Frost, insbesondere wenn ihre Samen klein, ölreich oder anfällig für Schäden an den Zellmembranen sind.
Paprika sollten nicht bei Temperaturen unter null gelagert werden – Studien zeigen einen Rückgang der Keimenergie und der Samenviabilität. Rucola sowie einige Kürbisgewächse vertragen das Durchfrieren ebenfalls schlecht, insbesondere bei wechselnder Luftfeuchtigkeit.
Daher lohnt es sich in der Winterzeit immer, auf die Pflanzenart und die Art der Samenlagerung zu achten. Im Fall von Tomaten kann man jedoch beruhigt sein – Frost schadet ihnen nicht.
Wissenschaftliche Quellen
Ellis R.H., Roberts E.H. (1980). Improved equations for the prediction of seed longevity. Seed Science and Technology.
Bewley J.D., Black M. (2013). Seeds: Physiology of Development, Germination and Dormancy. Springer.
FAO / IPGRI (2014). Genebank Standards for Plant Genetic Resources for Food and Agriculture.
Royal Botanic Gardens, Kew – Millennium Seed Bank. Seed Storage Behaviour and Longevity.
